Wie gefährlich lebt die Tochter eines alten weißen Cis-Mannes?
Rebecca mochte ihren Beruf. Von klein auf war sie gern zusammen mit ihrem älteren Bruder ins Theater gegangen. Nun hatte sie in einer benachbarten Kleinstadt eine Anstellung als Maskenbildnerin bekommen.
Rebecca verstand sich gut mit ihren Kollegen und den Schauspielern. Denen kam sie nicht nur äußerlich recht nahe. Dabei behielt sie immer die professionelle Distanz. Sie merkte, wie leicht manche von ihnen zu verunsichern waren. Einige wurden dann wütend. Eine fing an, auf herrische Art zu weinen. Eine extrovertierte Dame machte sogar eine regelrechte Szene, und das, obgleich es gar kein angemessenes Publikum gab.
Mit Vorsicht und Feingefühl sammelte Rebecca ihre Erfahrungen. Sie lernte nach und nach, die unterschiedlichen Typen der Verletzbarkeit zu erkennen und legte sich ein entsprechendes Repertoire des Umgangs und der Sprechweise an.
Eines Tages hatte sie die Aufgabe, eine Gastschauspielerin für ihren abendlichen Auftritt zu verwandeln. Sie machte sich wie immer freundlich, behutsam und detailgetreu ans Werk. Die Dame kam aus New York, hatte wunderschöne geglättete und blondierte Haare und eine sehr dunkle Haut. Sie sprachen teilweise deutsch und teilweise englisch miteinander.
Mit einem derben Ruck stieß sie ihren Visagistenstuhl zurück und empörte sich aufbrausend über mangelnde Schminkfarben und fehlende Pinsel. Erschrocken bemühte Rebecca sich, ihre fachkundige Haltung zu wahren. Ihr kam kein Wort über die Lippen. Doch als sie soweit war, ein sachliches Argument für ihre Arbeitsweise zu offenbaren, befand sich ihr Gast schon an der Tür. Vehement gestikulierend rief sie, dass sie nun zum Intendanten gehen werde, denn so etwas habe sie noch nie erlebt, das sei diskriminierend.
Rebecca zitterte. „Was für eine Drama-Queen!“, dachte sie. Ihre Kollegin Ellen streckte den Kopf zur Tür herein und erkundigte sich leise, was denn los sei. Doch da hörten sie schon beide, wie die Schauspielerin im Stockwerk drüber fluchte und schrie. Der Intendant war nicht da, aber Cosima, seine Vertretung, lud sie in ihr Büro ein und ließ sich alles in Ruhe erzählen.
„Gast ist König“, zwinkerte Ellen.
„Wir sind doch hier nicht im Fünf-Sterne-Hotel“, murrte Rebecca, die sich langsam wieder fasste.
„Du brauchst keine Angst zu haben, dass du fliegst“, sagte Ellen. „Wir haben hier schon einiges durch mit den Gast-Egos. Und das weiß Cosima sehr gut.“ Rebecca seufzte und räumte den Schminktisch auf. „Was mach ich jetzt? Soll ich gehen?“
„Bleib bei mir und warte, bis Cosima runterkommt“, schlug Ellen vor. „Dein Gast ist halt schwarz und von daher generationenübergreifend mit Herabwürdigung und Benachteiligung konfrontiert. Da reicht ein vermeintlich falscher Pinsel und schon läuft die Nummer.“
„Ich habe ihr aber doch gar nichts getan“, sagte Rebecca, „und meine Vorfahren auch nicht.“ Sie fing plötzlich an zu schluchzen. „Im Gegenteil ist ihnen Schlimmes wiederfahren.“
Ellen nahm sie in den Arm. „Du brauchst heute nicht mehr zu arbeiten, schon gar nicht mit ihr. Das wird jemand anderes von uns übernehmen. Was meinst du?“
„Ok“, stieß Rebecca hervor.
Cosima klopfte und schaute fragend ins Studio.
„Ich konnte sie beruhigen“, sagte sie. „Matthias wird sie für heute Abend schminken. Du hast jetzt frei und trinkst einen Piccolo auf meine Kosten.“
Rebecca lächelte mühsam.
„Komm morgen zu mir auf den Balkon,“ sagte Ellen, „ich bereite uns ein tolles Frühstück vor. Man muss sich nicht alles gefallen lassen.“
Ulrike Stein