ZUKUNFTSWERKSTATT
Ich denke nur an mich

Ich denke nur an mich

In einem gemeinschaftlichen Verbund zu arbeiten heißt, die Arbeitsprozesse des gesamten Projektes zu kennen, den Kollegen somit bis zu einem bestimmten Grad aushelfen zu können und ein umfassendes Verständnis der eigenen Tätigkeit, die in das jeweilige Projekt eingebunden ist, zu besitzen. Der Sinn des persönlichen, begrenzten Tuns erschließt sich, so dass auch eintönige Arbeitsphasen mit Leichtigkeit genommen werden können. Traditionelle Familienbetriebe kennen diese Verbundenheit, und das Fachwissen ist bei Alt und Jung profund. Die Kundschaft fühlt sich sicher aufgehoben und gleichzeitig menschlich in einem natürlichen Kontakt. Natürlich gibt es in Familienbetrieben manchmal Spannungen. Doch wollen wir es lieber so, wie es heutzutage gang und gäbe ist?

Ich denke nur an mich

Es zieht.
Die Haustür steht wohl offen.
Und ständig stampfen Leute treppauf treppab.
Einer von ihnen hustet sehr schlimm, trocken.
Wird etwas gelötet?
Es faucht und faucht.
Und stinkt ein bisschen.

„Guten Tag!“
„Ich habe keine Zeit.“
Der junge Mann steht in weißem T-Shirt und mit einer Art Zahnpastatube im Hinterhof.
„Ich wollte nur fragen, was Sie da arbeiten.“
„Dach. Wir machen Dach.“
„Ah!“
„Ich habe keine Zeit.“

„Hallo!“
Ein weiterer junger Mann in weißem T-Shirt will sich gerade eine Zigarette anzünden:
„Tag.“
„Decken Sie das gesamte Dach des Hauses? Oder ist da eine Stelle kaputt?“
„Sie sehen doch das Material, das hier rumsteht. Ich weiß es nicht. Ich denke nur an mich. Ich bin nur der Schlepper.“
„Es könnte sein, dass es das gesamte Haus betrifft oder dass es nur den Mieter ganz oben unterm Dach betrifft.“
„Woher soll ich das wissen. Ich kenne keinen Mieter. Ich mache meine Arbeit und fertig. Die anderen Sachen interessieren mich nicht.“
„Sehen Sie, und genau das ist der Fehler.“
„Das ist kein Fehler. Das ist genau richtig. Ich bin nur eine kleine Ameise. Ich kann nicht die Welt retten.“
„Doch, ein kleines Stückchen. Wie eine Ameise.“
„Ich bin nicht der liebe Gott.“
„Aber eine kleine Ameise.“
Er schweigt und sagt dann: „Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.“
„Das sind dann aber sechs Wörter zu viel! Das meine ich im Spaß! Ihnen auch einen schönen Tag!“
„Ich sage jetzt gar nichts mehr.“

 

Ulrike Stein
Lektorat Tiefsinn
https://lektorat-tiefsinn.de/

Categories: HINTERGRÜNDE

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