100%ig sicher
Natürlich wollen wir alle ganz sicher sein. Denn wir haben doch Angst vor Schmerzen, dem Tod gar, auf jeden Fall auch vor peinlichen Vorkommnissen. Deswegen sind wir alle versichert. Denn Schaden kostet Geld, viel Geld mitunter. Und weil Schaden so teuer ist, zahlt so eine Versicherung, die wir ja abgeschlossen haben, um selbst das Geld nicht berappen zu müssen. Deswegen zahlt sie so ungern. Naja, mancher Schaden kann durchaus ruinös sein für eine Person oder eine Organisation. Daher macht es auch Sinn, ein Solidarsystem zu errichten, das im Ernstfall aushilft. Weil Schaden so teuer sein kann, dass selbst eine Versicherung ruiniert werden kann, gibt es da noch die Rückversicherung, in die alle Versicherungsunternehmen einzahlen.
Aber zunächst muss ja ein Schaden entstehen. Sonst zahlt ja niemand. Wofür auch?
Wenn da nicht diese Mauschelei wäre, wenn Versicherungen bemüht werden, obwohl man den Schaden selbst verursacht hat, der womöglich so klein ist, dass man ihn auch selbst beheben könnte. Diese Mauscheleien sind jedoch so zahlreich, dass die Versicherungspolice selbst zum Schaden wird – für die Allgemeinheit. Das wirft nun die Frage nach Schuld und Verantwortung auf. Wer hat was und wie gemacht? Muss die Versicherung zahlen oder eher nicht?
Schaden passiert. Irren ist menschlich, jeder hat mal einen schlechten Tag. Und so gibt es die eine oder andere Nachlässigkeit oder Fahrlässigkeit. Ungewollt natürlich. Und so komme ich zum eigentlichen Thema.
In einer Institution, in der viele Menschen arbeiten und ihren Tag verbringen, sind alle per Institution versichert. Die Versicherung springt dann zum Beispiel bei einem Unfall oder bei einem Sachschaden ein. Alle Mitglieder zahlen in die Versicherung ein, damit im Ernstfall genug Geld da ist, um den Schaden zu beheben. Das System ist wirklich gut.
Jetzt ist da ein Vorgesetzter, der im Eifer seiner Tätigkeit unbedingt darauf zu achten hat, dass
seine Mitarbeiter niemals nie nicht irgendeinen Schaden erleiden. Er muss sie vor Gefahren warnen.
Das genügt nicht, er muss sie belehren und die Belehrung protokollieren und am besten auch gegenzeichnen lassen von seinen Mitarbeitern und seinem Vorgesetzten, sofern er einen hat.
Hat er solches verschwitzt, also vernachlässigt, ist er schuldig! Er muss zahlen oder wird gar von seinem Dienst suspendiert, wenn nicht entlassen, selbst wenn es sich um einen relativ kleinen Schaden handelt.
So geschehen in der Schule. Natürlich soll sich kein Schüler im Unterricht verletzen, zumal es Unterrichtsfächer gibt, bei denen scharfe Gegenstände zum Einsatz kommen. Der Lehrer also gibt Anweisung, wie der Schüler das Gerät zu handhaben hat, belehrt aber nicht in einer eigenen Unterrichtsstunde und lässt die vermittelte Belehrung nicht ins Schulheft schreiben und trägt es nicht ins Klassenbuch ein, das sich ohnehin irgendwo anders befindet. Der Schüler verletzt sich, indem er sich den Finger schneidet. Großes Unglück bricht herein. Der Schüler bekommt Wundversorgung und wird nach Hause geschickt, um sich zu erholen. Meldung und Unfallbericht werden erstellt,
für die Versicherung.
Der Lehrer verliert die Obhut über alle seine Schüler aller Klassen, weil der Unterricht bei ihm zu gefährlich ist. Und natürlich, weil er einen ganz und garwichtigen Verwaltungsakt, die Dokumentation über die Belehrung, vernachlässigt hat. Das ist eigentlich der Hauptgrund. Es könnte ja sein, dass es eine Klage der Eltern vor Gericht gibt – wegen eines Schnitts in den Finger. Jeder schneidet sich mal in den Finger, Tollpatschigkeit lehrt uns zur Umsicht, ein wirklich pädagogisches Moment. Pädagogik zählt nicht, nur die Dokumentation ist wichtig. Und die Gefahr von Schmerzensgeld, Regress, Schadensersatz und weiß der Teufel, was noch, droht! Der Lehrer hat seine Schutzpflicht vernachlässigt und ist zu verdammen. Alle anderen Schüler sind zwar ohne Schaden, doch der Lehrer verlässt die Schule und die Schüler schauen in die Röhre. Denn sie haben sich in dem Unterricht wohl gefühlt und Ersatz für die Schüler ist zunächst nicht gewährleistet. Der Lehrer hat jetzt ein anderes Problem, das er ganz allein mit sich selbst ausmachen kann.
Gut, dass alles so 100%ig sicher ist.
Alexander Droste